2018 | Dr. Robert Fledrich und Dr. Ruth Martha Stassart
Neuer therapeutischer Ansatz für chronische Schädigungen peripherer Nerven

Dr. Robert Fledrich und Dr. Ruth Martha Stassart von der Universität Leipzig wurden mit dem Dr. Holger Müller Preis 2018 für ihre Forschungsarbeit zu chronischen Schädigungen peripherer Nerven ausgezeichnet. Den Wissenschaftlern ist es gelungen, einen neuen therapeutischen Ansatz für die Behandlung der als periphere Neuropathien bezeichneten seltenen Erkrankungen zu entwickeln.

Heinz Springmann (DHMS), Prof. Carsten Bergmann (Preisträger 2017), Gabriele Maurer-Müller, Prof. Frank Kaiser (Preisträger 2012), Preisträger Dr. Robert Fledrich, Dr. Angela Zieger, Reiner Hehn (DHMS), Dr. Albrecht Matthaei (Care-for-Rare)

Verliehen wurde der mit 5.000 Euro dotierte Forschungspreis am 14. März 2018 im Alten Rathaus in Esslingen in einer feierlichen Zeremonie unter Schirmherrschaft von Dr. Angela Zieger, Kuratorin der ZukunftsStiftung Heinz Weiler und Gattin des Esslinger Oberbürgermeisters.

Periphere Neuropathien, die von einem vor 25 Jahren entdeckten Gendefekt verursacht werden, sind in den allermeisten Fällen nicht heilbar. Die chronische Schädigung peripherer Nerven führt bei betroffenen Menschen zu fortschreitenden Gehbehinderungen bis hin zur Rollstuhlgebundenheit sowie zu Gefühlsstörungen und Schmerzen.

Die häufigste vererbliche Neuropathie ist mit einer Inzidenz von 1:5000 die seltene Erkrankung Charcot-Marie-Tooth 1A (CMT1A), welche durch eine Duplikation des Gens für das periphere Myelinprotein von 22kDa (PMP22) verursacht wird.

Obwohl der zugrundeliegende Gendefekt bereits seit 25 Jahren bekannt ist, sind die Erkrankungsmechanismen nach wie vor unverstanden und therapeutische Optionen für betroffene Patienten demnach nicht verfügbar.

Lipidsupplementation als therapeutische Option

Unter Zuhilfenahme eines Rattenmodells für die CMT1A Erkrankung konnten Dr. Robert Fledrich und Dr. Ruth Martha Stassart nun zeigen, dass die Gliazellen des peripheren Nervensystems, die Schwannzellen, während der Entwicklung einen Defekt des Lipidstoffwechsels aufweisen.

Schwannzellen ummanteln die Nervenfasern mit einer lipidreichen Myelinscheide was eine schnelle Weiterleitung elektrischer Nervenimpulse ermöglicht. In der CMT1A Erkrankung konnten die Wissenschaftler aus Leipzig nun beobachten, dass eine mangelhafte Lipidbiosyntheseleistung der Schwannzellen zu einem fehlerhaften Aufbau dieser Myelinscheide führt und mit einer beeinträchtigten Funktionalität der Nervenfasern einhergeht.

Könnte eine Supplementation mit Lipiden die Fehlfunktion der erkrankten Schwannzellen beheben und eine neue therapeutische Strategie für die CMT1A Erkrankung darstellen? In einer experimentellen Therapie von CMT1A Ratten zeigte sich, dass die Gabe des Lipids Lecithin – ein Hauptbestandteil des Myelins – die Ausprägung krankheitsspezifischer Symptome erkrankter Tiere maßgeblich lindert.

Ultrastrukturell und biochemisch ließ sich eine deutlich verbesserte Myelinisierung nach Lipidsupplementation nachweisen. Interessanterweise zeigte die Lipidbehandlung eine gute Wirksamkeit bei verschiedenen Erkrankungsstadien, jedoch lässt der therapeutische Effekt nach Absetzen der Therapie nach, so das erfolgreiche Forscher-Duo.

Mechanistisch konnten Robert Fledrich und Ruth Stassart in der Folge nachweisen, dass die Lipidsupplementation zu einer verbesserten Verwendung intrazellulärer Proteine und Lipide führt und somit die pathophysiologische Endstrecke der Erkrankung beeinflusst, ohne direkt an mit dem primären Gendefekt zusammenhängende Signalkaskaden anzugreifen.

Die engagierten jungen Wissenschaftler schließen aus ihren Beobachtungen, dass eine Lipidtherapie auch für andere entmarkende neurologische Erkrankungen von Relevanz sein könnte. Insbesondere die bereits erwiesene gute Verträglichkeit für den Menschen prädestiniere Lecithin als vielversprechendes Therapeutikum für die CMT1A Erkrankung und möglicherweise darüber hinaus.

Dr. rer. nat. Robert Fledrich ist unabhängiger Emmy-Noether-Nachwuchsgruppenleiter am Institut für Anatomie der Universität Leipzig. Dr. med Ruth Martha Stassart ist unabhängige Forschungsgruppenleiterin und leitende Oberärztin Neuropathologie am Department für Neuropathologie des Universitätsklinikums Leipzig. Die Wissenschaftler haben zuvor lange Zeit gemeinsam am MPI in Göttingen geforscht, wo auch ein Großteil der nun ausgezeichneten Studie durchgeführt wurde.

Die Dr. Holger Müller Stiftung freut sich sehr, mit der Auszeichnung zum achten Mal eine herausragende wissenschaftliche Arbeit im Bereich der Erforschung seltener Erkrankungen ehren zu können. Wir gratulieren den Preisträgern!

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