2024 | Dr. med. Lucia Laugwitz
Neugeborenen-Screening gegen das Vergessen im Kindergehirn

Der Dr. Holger Müller Preis 2024 wurde verliehen an Dr. med. Lucia Laugwitz von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendmedizin Tübingen für ihre wegweisende Arbeit zur Früherkennung der metachromatischen Leukodystrophie (MLD) – einer seltenen Erbkrankheit, die ohne frühzeitige Intervention zu schwerer Behinderung oder frühem Tod führt.

Dr. Laugwitz hat mit ihrem Team die weltweit erste prospektive Neugeborenen-Screening-Studie für MLD durchgeführt und damit einen bedeutenden Meilenstein in der medizinischen Forschung gesetzt.

Was ist MLD?

Metachromatische Leukodystrophie ist eine seltene, vererbbare Stoffwechselerkrankung, bei der der Abbau bestimmter Fette, sogenannter Sulfatide, gestört, so dass diese sich im Gehirn sammeln. Sie wird verursacht durch zwei Mutationen im ARSA-Gen, die zu einem Defekt des Enzyms Arylsulfatase A führen.

Von der schweren neurodegenerativen Erkrankung betroffene Kinder entwickeln sich zunächst scheinbar völlig normal – oft über Monate oder sogar Jahre hinweg. Anzeichen treten erst auf, wenn der unaufhaltsame Verlust von Nervenzellen und der weißen Substanz im Gehirn bereits begonnen hat. Dann aber ist es zu spät für die Behandlung mit einer hochwirksamen Gentherapie. Unbehandelt führt die Erkrankung bei Kindern zu rasch fortschreitendem Verlust der geistigen und körperlichen Fähigkeiten.

Ziel der Studie war es daher, MLD vor dem Auftreten jeglicher Symptome bereits bei Neugeborenen zu erkennen – um dadurch rechtzeitig eine lebensentscheidende Therapie einleiten zu können, bevor irreversible Schäden entstehen.

Frühzeitiges Erkennen entscheidend, um Erkrankung aufzuhalten

In dem von Dr. Laugwitz und ihrem Team durchgeführten Pilotprojekt wurden zwischen 2021 und 2024 über 220.000 Neugeborene in mehreren europäischen Zentren getestet – bei sieben Säuglingen wurde MLD erkannt. Diese Ergebnisse bilden die Grundlage für eine mögliche flächendeckende Vorsorgeuntersuchung und gelten international als Meilenstein im Kampf gegen diese angeborene Erkrankung.

An dem Pilotprojekt beteiligt waren neben dem Universitätsklinikum Tübingen auch das Screening-Labor Hannover, die Universitäten Heidelberg, Wien und Amsterdam, das Biotechnologieunternehmen Orchard Therapeutics sowie das auf seltene Erkrankungen spezialisierte, österreichische Labor ARCHIMEDlife.

Ziel einer MLD-Behandlung ist, das defekte Enzym zu ersetzen. Bislang konnte bei allen Formen eine frühzeitige Diagnose jedoch oft nur gestellt werden, wenn bereits ein älteres Geschwisterkind erkrankt war.

Neugeborenen-Screening ermöglicht rechtzeitige Diagnose

Das Neugeborenen-Screening ermöglicht es Experten nun, Auffälligkeiten bei Säuglingen festzustellen, eine Prognose zum Beginn der Krankheit vorzunehmen und den bestmöglichen Zeitpunkt sowie die passende Therapie zu bestimmen.

Bei spät beginnender Krankheit – ab etwa Schulkind- bis zum Erwachsenenalter – kann mit einer (allogenen) Stammzelltransplantation therapiert werden, die in der Tübinger Kinderklinik seit 20 Jahren durchgeführt wird. Früh beginnende und damit schwer verlaufende MLD, die im Alter bis zu sechs Jahren auftritt, lässt sich mit dieser Methode nicht behandeln. Betroffene Kinder können aber seit 2020 mit einer (autologen) Stammzellgentherapie behandelt werden.

Dazu wurden neben der Universitätskinderklinik in Tübingen als erstem Zentrum in Europa weitere Behandlungszentren in Paris, Utrecht, Lund, Manchester und Mailand ins Leben gerufen. Bei dieser modernen Therapie-Möglichkeit werden Stammzellen aus dem Blut der Kinder herausgefiltert, um das defekte Gen im Labor zu korrigieren und die „reparierten Stammzellen“ im Rahmen einer autologen Stammzelltransplantation zurückzuführen.

Das Team um Dr. Laugwitz hofft nun, dass das MLD-Screening künftig in das deutschlandweite Neugeborenen-Screening aufgenommen wird, bei dem jedes Neugeborene in den ersten Lebenstagen auf derzeit 32 behandelbare Erkrankungen getestet wird.

Der mit 5.000 Euro dotierte Forschungspreis der Dr. Holger Müller Stiftung wird jährlich ausgeschrieben und in Kooperation mit dem Essener Zentrum für Seltene Erkrankungen (EZSE) vergeben. Ziel ist es, Forschung sichtbar zu machen, die Hoffnung gibt – dort, wo sie bislang oft fehlt.

Die Dr. Holger Müller Stiftung gratuliert Dr. Lucia Laugwitz zu ihrem Erfolg. Die mit Auszeichnung wurde 2025 im Rahmen einer Feierlichkeit vor rund 100 geladenen Gästen im Alten Rathaus Esslingen überreicht.

Dr. Holger Müller Preis 2024: Stifterin Gabriele Maurer-Müller (li) übergibt die Auszeichnung an Dr. med. Lucia Laugwitz
Dr. Holger Müller Preis 2024: Stifterin Gabriele Maurer-Müller (li) übergibt die Auszeichnung an Dr. med. Lucia Laugwitz

Titel der Originalpublikation
Laugwitz L, Kasper D. C. & Groeschel S
„Newborn Screening and Presymptomatic Treatment of Metachromatic Leukodystrophy“

N Engl J Med. 2024 Oct 3;391(13):1256-1258

Pressemeldung des Universitätsklinikums Tübingen
Schwere neurodegenerative Erkrankung frühzeitig erkennen

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